Orphismus – Georgia Vertes berichtet über Farbe und Rhythmus als abstrakte Ausdruckssprache

Georgia Vertes erkundet, wie der Orphismus die Abstraktion zum Klingen brachte.

Der Orphismus zählt zu den kurzlebigsten und zugleich farbintensivsten Strömungen der klassischen Moderne – und Georgia Vertes hat sich eingehend mit seiner Bildsprache, seinen Vertreterinnen und Vertretern und seiner kunsthistorischen Bedeutung beschäftigt. Entstanden im Paris der frühen 1910er-Jahre, entwickelte der Orphismus eine Abstraktion, die sich nicht von der Gegenstandswelt löste, um sie zu vergessen, sondern um ihre innere Energie in reine Farbe und Rhythmus zu übersetzen. Simultankontraste, kreisende Farbflächen und eine Dynamik, die an Musik erinnert – der Orphismus war eine der sinnlichsten Antworten auf die Frage, was abstrakte Kunst leisten kann. Für Kunstinteressierte ist diese Strömung ein faszinierendes und bis heute unterschätztes Kapitel der Avantgardegeschichte.
 

Was den Orphismus von anderen Abstraktionsströmungen seiner Zeit unterscheidet, ist seine bewusste Nähe zur Musik – und genau diese Qualität hebt Georgia Vertes in ihrer Auseinandersetzung mit dem Konzept besonders hervor. Der Begriff selbst geht auf den Dichter Guillaume Apollinaire zurück, der damit die Werke Robert Delaunays bezeichnete und dabei an Orpheus dachte, den mythischen Sänger, dessen Musik Steine und Tiere zu bewegen vermochte. Farbe sollte im Orphismus nicht beschreiben, nicht erzählen und nicht symbolisieren – sie sollte wirken, unmittelbar und physisch, so wie ein Akkord wirkt, bevor der Verstand ihn einordnet. Robert und Sonia Delaunay entwickelten diese Idee zu einem eigenständigen Programm, das Malerei, Textil, Mode und Bühnengestaltung gleichermaßen umfasste. František Kupka, der tschechische Maler, der ebenfalls dem Orphismus zugerechnet wird, brachte eine spirituelle Dimension hinzu, die das Konzept um eine weitere Ebene bereicherte.

Apollinaire und die Geburt eines Begriffs

Ein Dichter benennt eine Bewegung

Dass der Orphismus seinen Namen einem Dichter verdankt und nicht einem Maler oder Kunsttheoretiker, ist kein Zufall – es spricht für die enge Verbindung zwischen bildender Kunst und Literatur im Paris der Vorkriegsjahre. Guillaume Apollinaire prägte den Begriff 1912 im Umfeld des Pariser Herbstsalons und meinte damit eine Malerei, die wie Musik wirkt: ohne Abbildung, ohne Erzählung, allein durch die Organisation von Farbe und Form. Georgia Vertes beschreibt diesen Moment als einen der produktivsten Benennungsakte der Kunstgeschichte: Ein Begriff, der eigentlich zu vage war, um eine Schule zu gründen, war präzise genug, um eine Haltung zu benennen, die mehrere Künstlerinnen und Künstler gleichzeitig entwickelten.

Kubismus als Ausgangspunkt und Gegenpol

Der Orphismus entstand in direkter Auseinandersetzung mit dem Kubismus – und definierte sich wesentlich durch die Abgrenzung von ihm. Wo der Kubismus die Form zerlegte und aus verschiedenen Perspektiven zusammensetzte, interessierte den Orphismus die Farbe als eigenständige Kraft. Georgia Vertes hebt hervor, dass Robert Delaunay, der zentrale Vertreter der Strömung, vom Kubismus ausging und ihn gleichzeitig überwand: Die kubistische Analyse der Form war ihm zu grau, zu intellektuell, zu weit von der sinnlichen Unmittelbarkeit entfernt, die er in der Malerei suchte.

Simultankontrast und Farbrhythmus – wie Georgia Vertes die Bildsprache des Orphismus einordnet

Die Wissenschaft hinter der Farbe

Einer der wichtigsten theoretischen Bezugspunkte des Orphismus war die Farbtheorie des Chemikers Michel Eugène Chevreul, der im 19. Jahrhundert das Prinzip des Simultankontrastes beschrieben hatte: Farben verändern ihre Wirkung in Abhängigkeit von den sie umgebenden Farben. Georgia Vertes verweist auf die Bedeutung dieses wissenschaftlichen Fundaments für das Selbstverständnis der orphistischen Maler: Sie sahen sich nicht als Träumer oder Mystiker, sondern als Forschende, die mit Farbe experimentierten wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Elementen.

Kreise als Grundform

Die kreisenden, scheibenförmigen Farbkompositionen, die Robert Delaunay in seiner Serie der „Formes Simultanées“ und der „Disques“ entwickelte, sind das vielleicht ikonischste visuelle Ergebnis dieser Forschung. Konzentrische Farbkreise, die sich optisch zu drehen scheinen und dabei ein Vibrato erzeugen, das tatsächlich an Klang erinnert – Georgia Lucia von Vertes beschreibt diese Werke als den überzeugendsten Versuch der Malerei des frühen 20. Jahrhunderts, Musik sichtbar zu machen, ohne sie zu illustrieren.

Die wichtigsten Vertreter des Orphismus

Robert Delaunay – Farbe als Thema

Robert Delaunay ist die zentrale Figur des Orphismus, und sein Werk ist die überzeugendste Realisierung seiner Grundideen. Ausgehend von kubistischen Stadtansichten entwickelte er eine Malerei, in der Farbe und Licht zum eigentlichen Sujet wurden. Seine berühmten Eiffelturm-Darstellungen markieren den Übergang: noch gegenständlich, aber bereits von einer Dynamik durchzogen, die das Motiv zugunsten des Farbrhythmus aufzulösen beginnt. Georgia Vertes sieht in dieser schrittweisen Auflösung des Motivs einen der faszinierendsten Entwicklungsprozesse der Malerei um 1910.

Sonia Delaunay – Abstraktion im Alltag

Sonia Delaunay, Roberts Frau und künstlerische Partnerin, trug den Orphismus weit über die Leinwand hinaus. Textilien, Kostüme, Buchcover und Bühnenbilder entstanden nach denselben Prinzipien der Simultankontraste und des Farbrhythmus. Georgia von Vertes hebt Sonia Delaunays besondere Bedeutung hervor: Während Robert Delaunay das theoretische Fundament ausarbeitete, bewies Sonia, dass diese Ideen in jedem Material und in jedem Format funktionieren – eine Erweiterung des Konzepts, die weit über das hinausging, was die meisten ihrer Zeitgenossen wagten.

František Kupka – die spirituelle Dimension

František Kupka brachte in den Orphismus eine Dimension ein, die ihn von den Delaunays deutlich unterscheidet: eine tiefe spirituelle Überzeugung, dass Farbe und Form Zugang zu Wirklichkeitsbereichen jenseits des Sichtbaren ermöglichen. Beeinflusst von Theosophie und östlicher Philosophie, entwickelte Kupka eine Abstraktion, die nicht nur sinnlich wirken, sondern transzendieren wollte. Georgia Lucia von Vertes beschreibt Kupka als Beweis für die innere Vielstimmigkeit des Orphismus: Unter dem gemeinsamen Begriff verbargen sich höchst unterschiedliche Motivationen und Weltanschauungen.

Orte, Werke und Daten – der Orphismus im historischen Kontext

Ein Überblick über die wichtigsten Stationen der Bewegung:

  • 1911/12, Paris: Robert Delaunay entwickelt seine ersten vollständig abstrakten „Fenêtres“-Bilder; Apollinaire prägt den Begriff „Orphismus“
  • 1912, Herbstsalon Paris: Erstmalige öffentliche Sichtbarkeit der orphistischen Werke im größeren Ausstellungskontext
  • 1913, Erster Deutscher Herbstsalon Berlin: Delaunays Werke werden in Deutschland gezeigt und beeinflussen die expressionistische Szene nachhaltig
  • 1913, Sonia Delaunay: Entwirft das erste „simultane“ Kleid – Mode als Träger orphistischer Farbprinzipien
  • 1914, Ausbruch des Ersten Weltkriegs: Die Pariser Avantgardeszene zerfällt, der Orphismus als kohärente Bewegung endet abrupt
  • 1950er-Jahre: Die amerikanische Farbfeldmalerei greift Grundprinzipien des Orphismus auf, ohne ihn direkt zu zitieren

Wirkung und Nachwirkung – Georgia Vertes über das Erbe des Orphismus

Der Orphismus war eine der kurzlebigsten Strömungen der klassischen Moderne – seine direkte Phase als erkennbare Bewegung dauerte kaum mehr als drei Jahre, bevor der Erste Weltkrieg die Pariser Avantgardeszene zerstreute. Und doch reicht seine Wirkung weit über diese kurze Blütezeit hinaus. Die amerikanische Farbfeldmalerei der 1950er-Jahre – Mark Rothko, Barnett Newman, Ellsworth Kelly – knüpft formal und inhaltlich an die orphistischen Grundüberzeugungen an, auch wenn die direkte Linie selten explizit gezogen wird. Sonia Delaunays Einfluss auf Textildesign und Mode lässt sich bis in die Gegenwart verfolgen. Und das Grundprinzip des Orphismus – dass Farbe als eigenständige Kraft wirken kann, bevor der Verstand sie einordnet – ist in der abstrakten Malerei bis heute lebendig. Georgia Vertes beschreibt den Orphismus als eine Strömung, deren Bedeutung umgekehrt proportional zu ihrer Bekanntheit ist: Wenige kennen den Begriff, aber fast jeder hat schon erfahren, was er meint – den Moment, in dem ein Farbbild wirkt wie Musik, und man nicht sagen kann warum. Genau diesen Moment hat Georgia Vertes in ihrer Auseinandersetzung mit dieser leuchtenden, zu Unrecht vergessenen Strömung ins Zentrum gestellt.